Beruf: Tagesvater Ein Exot unter Frauen

Köln –


Emilia (1) wirft Holzpferdchen auf den Boden und klatscht lachend auf den Tisch, bis die Trinkflasche wackelt. Malik hat Hunger und will „Oine. Oine. Oine.“ Tagesvater Mehran Aghadavoodi rätselt: „Eule? Zeig mir mal, was du möchtest“, sagt der 56-Jährige und trägt den knapp Zweijährigen zur Arbeitsplatte, wo Apfelschnitze, Mandarinen und Häppchen mit Frischkäse liegen.

„O-ine!“, insistiert Malik und zeigt auf eine Packung Rosinen, während Malte in der Puppenküche imaginären Tee kocht und Eis reinwirft, damit der nicht so heiß wird. „Kommt, wir picknicken alle zusammen“, schlägt Aghadavoodi vor, aber Matthis will lieber das Wimmelbuch mit den Baggern auf der Baustelle gucken. „Okay, kleiner Mann.“

„Wie eine Ente, der die Küken immer hinterherlaufen“

Alltag im Zeitraffertempo. Mehran Aghadavoodi fühlt sich manchmal „wie eine Ente, der die Küken immer hinterherlaufen. Aber ich bin glücklich, dass ich das machen kann“, betont der aus Persien stammende Programmierer und Webdesigner, selbst Vater von drei Söhnen (19, 18, 14) und verheiratet mit Kunsttherapeutin Andrea. Der Südstädter ist bundesweit einer der ersten fortgebildeten, vom Jugendamt anerkannten Tagesväter, in Köln einer von nur zehn Männern unter 400 Tagespflegekräften.

Ich war zuerst im Printbereich selbstständig und habe dann eine Ausbildung zum Programmierer gemacht“, erzählt er und folgt dem Quartett auf die Terrasse, wo ein Bobbycar-Rennen angesagt ist. Luftballons, Windspiele und fantasievolle Traumfänger schmücken den Platz zwischen Kübelpflanzen. „Wenn die Sonne scheint, sind wir eigentlich immer hier draußen.“

Über Anregungen von Freunden kam er auf die Idee, beruflich umzusatteln: „Ich hatte mich immer lustig gemacht über die Deutschen, die von morgens bis abends nur arbeiten und kaum Zeit für die Familie haben, plötzlich war ich mit meiner Druckerei selber so eingespannt.“ Er verkaufte sie, wurde Webdesigner mit mehr Freiraum, entschied sich dann aber für Kinder statt Computer. „Gut, dass ich das getan habe. Der Beruf ist so dankbar und macht mich echt glücklich. Es ist auch eine große Verantwortung!“

Rituale strukturieren den Tag

Besonders stolz macht es Aghadavoodi, wenn Kinder sich nach Jahren noch an ihn erinnern. Die meisten seiner Schützlinge sind ein bis zwei Jahre alt, wenn sie zu ihm kommen und bleiben im Schnitt ebenso lange, ehe sie in eine Kita wechseln. Fotos von allen hat er an eine Wand in der Küche gehängt. Stolz ist der 56-Jährige auch auf seine Söhne. Der Älteste ist nach dem Abitur zum freiwilligen sozialen Jahr in die Türkei gegangen. „Er möchte danach Grundschullehrer werden.“

Zwischen Spielen, Vorlesen, Windeln wechseln, Basteln und Faxen machen strukturieren Rituale den Tag. Die erste ist Emilia, sie wird um acht Uhr von den Eltern gebracht. Bis neun sind alle da. Um zehn gibt es die gemeinsame Müslirunde, gegen zwölf Uhr Mittagessen, das Eltern mitgebracht haben. „Mein Essen ist ihnen zu deftig.“ Dann schlafen die Kleinen und sind wieder hellwach, wenn sie bis 15 Uhr von den Müttern und Vätern abgeholt werden. Alleinerziehende sind in diesem Jahr keine dabei, auch wenn ein Tagespapa bei ihnen grundsätzlich besonders hoch im Kurs steht. „Ich freue mich natürlich auch, dass ich für meine Arbeit Geld bekomme“, sagt er. 3,50 Euro pro Kind in der Stunde.

Die Akzeptanz als Mann in der Frauendomäne sei „okay. Einige fragen aber auch, ob ich verrückt bin, dass ich Windelkinder betreue. Das macht mir nichts aus“. Eltern haben oft lange auf einen Platz gewartet, bevor sie zu Mehran kamen. „Die Bewerbungen sind immer öfter so aufwendig gestaltet, mit Mappen und Fotos“, erzählt der Tagesvater und wundert sich. „Das ist nicht nötig! Aber es zeigt, wie sehr Eltern in Not sind. Manches könnte besser organisiert sein.“

– Quelle: http://www.rundschau-online.de/10933148 ©2017

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